Hier mal ein bisschen chemischer Background,da ich zufällig genau das arbeite

(wen das nicht interessiert muss den Post ja nicht lesen)
Die Erweichung von Polymeren hat mit 2 Dingen zutun, dem Glasübergangspunkt (als Tg bezeichnet) und der Schmelztemperatur.
Ein Polymer sind lange Molekülketten. Teile dieser Molekülketten können sich durch Wechselwirkung gut nebeneinander legen und bilden dann Kristallstrukturen. (Da darf man jetzt nicht an einen Bergkristall denken, dort sind die Kristallstrukturen ja makroskopisch also z.T. saubere Kristalle über Zentimeter) sondern ganz kleine Kristallbereiche.
In der Regel sind Polymere teilkristalin. Das heißt es gibt viele kleine Kristallbereiche und dazwischen amorphe Bereiche. Amorph sind die Bereiche, wo die Ketten nicht geordnet liegen sondern eher durcheinander.
Am Glasübergang wird die Energie erreicht die es braucht, die Ketten in den amorphen Bereichen zu verschieben. Die Energie ist aber noch zu niedrig, um die Kristallbereiche aufzuschmelzen. Was dann passiert, dass die Kristallbereiche wie Inseln im amorphen Bereich verschoben werden können und sich das Material verformen lässt.
Am Schmelzpunkt brechen dann auch die Kristallstrukturen auf und alle Bereiche können verschoben werden.
Wenn ich ein vollkristallines Polymer habe gibt es keinen Tg und damit wird es auch erst am Schmelzpunkt weich.
Wie kristallin ein Kunststoff ist hängt vereinfacht von 2 Dingen ab:
a) wie gut/eng lassen sich die Ketten nebeneinander legen (Seitengruppen an den Polymerketten stören da)
b) wie gut sind die Bedingungen, dass sich die Ketten zu Kristallen ordnen. Bei Wärme bewegen sich die Ketten besser und je länger sie warm sind desto besser können sie sich zu Kristallen ausbilden.
PE (bzw. HDPE) ist z.B. ein sehr schönes Beispiel für a). Die Ketten sind ganz lang und "glatt" und lassen sich super nebeneinader legen. Das ist extrem kristallin und fast egal wie schnell man es abkühlt, es entstehen immer Kristalle.
Wenn man das im Ofen tempert geht es wohl auch bis 150°C, hab ich aber nie selbst probiert. Ist für offene Drucker bestimmt ne gute Option.
Genau dieser Effekt macht sich b) zu nutze. Normal ist mein PLA teilkristallin.
Tg zwischen 54 und 58°C. Das heißt ab dieser Temperatur wird es verformbar bzw. ist als Bauteil dann nicht zu gebrauchen.
Wenn ich es jetzt erwärmt im Ofen stehen lasse (bei 50°C), können die Ketten sich besser bewegen und weiter auskristallisieren. Wenn das Teil dann vollkristallin ist, entfällt der Tg und es wird erst am Schmelzpunkt so 150-180°C weich.
Das Problem ist: Du musst recht präzise mit der Temperatur sein und einige Zeit warten. Dieser Effekt funktioniert sehr gut beim Spritzgießen, wo die Form das Material in Form hält. DA kann man dann auch mit 100°C Formtemperatur arbeiten und nach 100s ist das Teil vollkristallin.
Bei 50°C im Backofen wird das deutlich länger brauchen und man muss mit der Temperatur aufpassen.
Das was man bei Kunststoffen eigentlich wissen will ist die HDT (heat deflection temperature). Im wesentlichen die Temperatur, bei der sich ein Stab der am Rand aufliegt durchbiegt. Und diese HDT kann ich durch Faserbeigabe verbessern. Am Tg sorgen die Fasern dafür, dass die Erweichung der amorphen Bereiche weniger Einfluss auf die strukturelle Integrität hat, da die Fasern mit den kristallinen Bereichen genug Stabilität bieten.
Lange Rede kurzer Sinn:
Im Auto scheint mir PLA auch sehr optimistisch. In von Sonne beschienenen Bereichen die aus schwarzem Material sind könnte man sogar an die 75°C von PETG rankommen. Aber spätestens bei ABS sollte es eigentlich keine Probleme mehr geben. Klar, wenn du einen Adapter für Warmluft brauchst ist das was anderes.
Bei höheren Temperaturen setzt man dann eigentlich auf Duroplasten (also z.B. Epoxidharz) oder sowas wie Silikone. Die vernetzen die Ketten untereinander mit chemischen Bindungen, dadurch können die Ketten nicht mehr verschoben werden egal bei welcher Temperatur (irgendwann verbrennen die Ketten halt aber sie werden nie flüssig).
Also je nach Komplexität ist es manchmal auch praktisch, ein Teil 3D zu drucken mit Silikon abzuformen oder in eine 3D gedruckte Form zu gießen.