Stuhl mit Rattangeflecht und umlaufender Nut - welches Peddigrohr?

Dieses Thema im Forum "Neuling fragt Profi" wurde erstellt von diy, 1. September 2008.

  1. diy

    diy ww-nussbaum

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    Hallo alle zusammen,

    da es in diesem schönen Forum auch einige Spezialisten für Korbwaren gibt, stelle ich meine Fragen also mal hier:

    Frage 1: Ich habe 8 Stühle in der Art der bekannten (und teuren!) Thonet-Freischwinger mit einer Sitzfläche aus Rattangeflecht, nur eben von einem anderen Hersteller. Dieses Rattangeflecht war beschädigt, also habe ich es entfernt und die umlaufende Nut mit einem 5-mm-Fräser sauber ausgefräst. Nun steht die Frage an, welche Stärke das Peddigrohr haben muss, mit welchem das Geflecht in der Nut festgeklemmt und verleimt wird. Solches Peddigrohr gibt es ja von fadendünn bis so ca. 8mm Stärke. Liege ich mit 4,5mm richtig?

    Frage 2: Soviel ich weiß, muss das Rattangeflecht vor dem Verspannen eingeweicht werden. Wie lange? Kaltes Wasser oder warmes/heisses? Wird das Peddigrohr auch eingeweicht?

    Frage 3: Für die echten Thonet-Freischwinger gibt es eine Folie, die bei stark beanspruchten Stühlen unterhalb des Geflechts eingebaut werden kann. Weiß jemand, welche Folie das ist bzw. welche ich dafür nehmen könnte?

    Ich würde mich über sachkundigen Rat riesig freuen :emoji_grin:, denn wenn die Sache schief geht, muss ich wieder von vorne anfangen :mad: Also: herzlichen Dank schon vorab an jeden, der sich bemüht, mir zu helfen!

    Wolfgang
     
  2. derdad

    derdad Moderator

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    Guten Morgen!
    Ich glaub ich kann dir behilflich sein, da ich in einer Korbflechterei arbeite und wir Flechtungen aller Art wieder instand setzten. Dabei hab ich schon hunderte solcher Sitze eingepresst.
    Bei uns wird als Keder (unlaufende Verschlussleiste) üblicherweise ein Splintpeddig verwendet. So wie es am Foto ist. An der dicksten Stelle hat es 4,5-5mm. an der dünnsten 3,5-4mm. Hoch ist es 6,5mm.
    Es kan aber auch Rundrohrmaterial verwendet werden. Ich würde bei einer 5mm Nut ein 5mm Material verwenden. Die Matte trägt ca 1mm auf, und so klemmt die Leiste gut in der Nut.
    Vorgangsweise ist folgend: Geflecht in Wasser legen (ca 10-15min). Kaltes Wasser genügt. Kurz abtropfen lassen. Geflecht mit Keilen am Rahmen ausrichten. Geflecht einpressen. In der Nut mit einem scharfen Messer das Geflecht schneiden . Leim in Nut spritzen. Kederleiste mit Kunstoffhammer in Nut eintreiben-evtl Hammer und Holzpackerl.. So, dass ein gleichmäßiger Rand entsteht. (Kunststoffhammer deshalb, da ein Metallhammer unschöne Macken hinterlässt und ein Gummihammer abfärbt). Der Keder braucht nicht unbedingt eingeweicht werden.Unter fließendem Wasser herausgetretenen Leim mit Bürste abbürsten.
    Zum Trocknen ist es vorteilhaft auf das Geflecht ein nasses Tuch zu legen, bis der Leim ausgetrocknet ist, da es sonst passieren kann, dass das Geflecht wieder aus der Nut gezogen wird.
    Das Thonet eine Unterlage verwendet (meines Wissens ein ganz feines Geflecht) hab ich gehört. Wir sind aber selbst auf der Suche danach (Thonet ist da sehr schweigsam). Falls jemand weiß was verwendet wird wäre ich selbst interessiert daran. Normalerweise braucht man es aber nicht. Bei normaler Belastung (keine Knie oder Füße) hält so ein Geflecht auch seine 10-20 Jahre oder mehr.
    Leider wird das Geflechtmaterial das im Handel erhältlich ist immer schlechter. Das sagt auch unser Gr0ßhändler. Aber auch er bekommt vom Hersteller in Südostasien nichts besseres geliefert.

    Ich werd versuchen heut im laufe des Tages noch ein Foto vom einpressen zu machen, und welches Werkzeug ich da verwende.

    Ich hoffe, ich konnte ein bisschen helfen.

    gerhard
     

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  3. diy

    diy ww-nussbaum

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    Hallo Gerhard,

    mit deiner Antwort hast du mir nicht nur ein bisschen, sondern ganz viel geholfen! :emoji_grin::emoji_grin::emoji_grin: Du hast ja eine präzise Arbeitsanleitung gegeben - und das außerordentlich schnell -, so dass eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Vor rund 20 Jahren habe ich diese Stühle schon mal repariert; aber was vergisst man nicht alles ...

    Nur eins ist mir noch nicht ganz klar: Das Geflecht wird in die Nut eingepresst und in der Nut geschnitten. So wie der beim Fräsen sichtbare Verlauf des vorhandenen Geflechts zu erkennen war, schien es mir, als sei das Geflecht U-förmig in die Nut eingepresst und oben am äußeren Rand abgeschnitten, so dass es vom Keder an beiden Flanken eingepresst wurde. Aber so ganz genau war das nicht zu erkennen. Kennst du auch eine solche Verarbeitung?

    Ist das Keder-Material, was du als Splintpeddig bezeichnest, das gleiche, was bei Schardt "Peddigschienen (flach/oval)" genannt wird?

    Dein (kommendes) Foto vom Einpressen ist sehr willkommen!

    Mit herzlichem Dank

    Wolfgang
     
  4. derdad

    derdad Moderator

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    Hallo nochmal!
    Schardt hat den Keder als Splintpeddig im Programm. Auf der Katalogseite auf der das Stuhlflechtrohr ist ist ganz unten das Splintpeddig. Nimm die Größe 6,5x4,75x4.

    Beim Abschneiden gibt es 2 Methoden. Die Eine so wie es bei deinen Stühlen ist, also nach dem einleimen des Keders. Vorteil: angeblich bessere Verkeilung. (bei italienischen Stühlen haben wir erlebt, dass oft nur die Kederleiste das Geflecht gehalten hat. es war kaum Leim in der Nut. da hat die U-förmige Halterung sicher seine Berechtigung- nur fiel dann meistens das Geflecht samt Keder heraus)
    Nachteil: man sieht aussen das abgeschnittene Geflecht. Sprich- die Kederleiste liegt nicht immer schön an der äusseren Nutwange an.
    Die andere Methode: Das Geflecht wird in der Nut abgeschnitten.
    Dabei schneide ich es so ab, dass es sich in der Nut noch zumindest 1x abwinkelt. Mit genügend Leim in der Nut hält es genug. Der Vorteil ist einfach, dass die Kederleiste aussen an der Nut einen schönen Abschluss macht.

    So, nun zu den Bildern:
    Ich hab gerade keinen Sitzrahmen hier, deshalb hab ich einfach improvisiert und eine Nut in eine Platte gefräst.
    Am ersten siehst du das selbstgemachte Werkzeug, dass ich zum Einpressen verwende.
    Am zweiten siehst du die Handhabung. Es ist ein leicht rollende Bewegung mit der ich das Geflecht hineindrücke.
    Natürlich kannst du es auch so machen wie am dritten Bild: Mit keilen Stück für Stück hineinschlagen.
    Am vierten siehst du wieviel Leim ich in die Nut gebe. Hier ist es vielleicht ein bisschen viel. Aber besser zuviel als zuwenig.

    Noch was zum Keder. Man muss ihn nicht einwässern, aber bei sehr kleinen Rundungen, oder wenn das Peddig sehr trocken ist, ist es kein Fehler.

    Viel Spaß am Werken

    gerhard
     

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  5. diy

    diy ww-nussbaum

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    Raum Köln
    Hallo gerhard,

    ich bitte vielmals um Entschuldigung für meine verzögerte Reaktion! Beruflicher Stress sowie die anstehende Feier, für die ich die Stühle unbedingt brauchte, damit die Gäste nicht stehen mussten, sind die Gründe dafür. Zeit fürs Internet blieb da nicht mehr.

    Die sieben Stühle sind fertig! :emoji_grin: Dank deiner ausführlichen Anleitung hat alles bestens geklappt! :emoji_grin::emoji_grin::emoji_grin: Unsere Gäste haben so gut darauf gesessen, dass sie gar nicht mehr gehen wollten. Nächstens werde ich also nicht mehr ganz so sorgfältig arbeiten ... :emoji_wink:

    Ich finde es toll, dass du dir die Mühe gemacht hast, extra noch Fotos zu schießen und hochzuladen. Besonders hilfreich war das Foto von deinem selbst angefertigten Werkzeug zum Einpressen des Rattangeflechts. Nach dieser Form habe ich mir ein entsprechendes Hilfsmittel (Werkzeug mag ich da nicht sagen) aus einem 3,1mm starken Hartfaserstreifen hergestellt (ohne Griff). Das hält so drei bis vier Sitze durch, bis es durch die Feuchtigkeit zu sehr aufgequollen ist. Ist ruck-zuck gemacht und tut seine Dienste.

    Gold wert war auch deine Maßangabe zum Keder. Ich habe bei Schardt angerufen, deine Angaben durchgegeben, die Bestellung per Email noch nachgereicht, drei Stunden später von Schardt eine Bestätigungsmail mit Rechnungsbetrag erhalten, Geld überwiesen; drei Tage später war der Keder da, mit Vermerk: eilt!. Toller Laden.

    Da meine Nuten aufgrund des Freihandfräsens doch etwas breiter als 5mm waren, habe ich das Geflecht in der Nut an der Außenseite wieder hochgehen lassen, also u-förmig eingepresst und vor dem Einpressen des Keders unterhalb der äußeren Kante abgeschnitten. So hatte der Keder festen Sitz, ohne dass man unschöne Stipsel an der Außenseite sieht.

    Ich danke dir vielmals für deine hilfreichen Hinweise. Leute wie du machen ein Forum so wertvoll für unsereinen, und nicht nur für mich. Klick mal unten unter dem Knopf "Antworten" bei "Lesezeichen" auf "Mister Wong": diese Seite wurde bereits 21 mal heruntergeladen. Andere Leute profitieren also auch von deinen Tipps. Wie heißt es doch so schön: "Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!" Ich kann bestätigen: das hast du getan.

    Viele Grüße

    Wolfgang
     
  6. lola2go

    lola2go ww-pappel

    Beiträge:
    7
    Hallo,

    entschuldigt, wenn ich diesen alten Thread wieder ausgrabe, aber ich stehe im Moment vor dem gleichen Problem.
    Ich habe hier 4 Thonet Freischwinger, bei denen ich die Sitzflächen erneuern muss und habe noch ergänzende Fragen.

    Gerhard, wärst du so lieb und würdest mir ein paar Tips geben?

    1. Wie kann ich das alte Splintpeddig entfernen ohne den Rahmen zu beschädigen?
    Das sitzt so fest eingeleimt da drin....

    2. Wie breit und tief ist die Nut bzw. sollte ich fräsen?
    Ist es richtig, wenn ich mit einer Oberfräse die Nut ausfräse? Welche Größe Nutfräser benötige ich dafür?

    3. Welchen Leim sollte ich verwenden? Ich denke Weißleim ist doch vielleicht etwas ungünstig, weil er so schwer wieder zu entfernen ist? Ich habe irgendwo gelesen, daß es einen Leim gibt, der sich leichter entfernen lässt und das Geflecht trotzdem gut hält?

    Vielen Dank im voraus und ein schönes Wochenende!

    Gruß Lola
     
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