Restaurierung Biedermeier Kasten

Ratsuchend

ww-kirsche
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Hallo zusammen,

ich habe wieder ein neues Projekt. Diesmal ein Biedermeier Kasten, lt. Gutachten mit Esche furniert, um 1820/1830 und Originalzustand. Beim letzten Punkt ist vermutlich gemeint keine größeren Umarbeiten - ganz offensichtlich sind die Spuren einer Altrestaurierung, bei der auch ordentlich geschliffen und mit Kitt gearbeitet wurde.

Der Kasten ist - und das kommt sehr selten vor - nicht mit Nitrolack behandelt worden. Es scheint sich um reinen Schellack zu handeln. Ich habe an einer Stelle Spiritus aufgetragen, einwirken lassen und kein nitroschleier ist zum Vorschein gekommen. Die Oberfläche dort dann mit Ziehklinge komplett abgenommen, nochmal Spiritus und kein Nitroschleier - also wirklich komplett Nitro frei.

Ich habe jetzt zwei Fragen:

Erstens - handelt es sich sicher um einen Original Biedermeier Schrank? Das Schloß ist eingelassen, ich kenne meist aufgesetzte Schlösser. Die Furnierstärke beträgt bei mehreren Messungen zwischen 1,2 und 1,5 mm. Ein wenig dünn für Sägefurnier, aber dick für Historismus. Und der Kasten wurde definitiv schon mal abgeschliffen. Die Flammstäbe deuten für mich auch eher auf eine spätere Entstehung hin (oder wurden später ergänzt)

Zweitens mein geplantes Vorgehen: Einmal gereinigt habe ich den Kasten schon.
Ich will mit einer feinen Ziehklinge die Oberfläche abnehmen, anschließend mit Vlies und Spiritus nach waschen. Also die Oberfläche zwar abnehmen, aber die Grundpolitur/, Poren Füllung erhalten. Anschließend Furnier Fehlstellen ersetzen (,sind nicht viele), gröbere Schrammen mit Schellackkitt ausgleichen. Anschließend neue Politur aufbringen. Passt das so?

Vielen Dank für die Antworten,
Gerhard

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flüsterholz

ww-robinie
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Hallo Gerhard
Kann da auf die Schnelle nichts entdecken, was gegen Biedermeier spricht. Flammstäbe, Dicke des Furniers, Einsteckschloss, Holzart, Bauweise, für mich alles stimmig. Ist der Schlüssel noch geschmiedet?
Ich schau es mir später auf dem Rechner nochmal genauer an, bin zur Zeit noch unterwegs. Bis dahin
Gruß Michael
 

flüsterholz

ww-robinie
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Hallo Gerhard
Hatte jetzt Zeit, ihn mir nochmal auf dem Rechner anzuschauen, leider auch nur kurz, muss nochmal weg. Zu den Flammstäben: ich habe die bisher nur unterhalb der Kranzleiste bei Biedermeiermöbeln gesehen und auch da sind sehr selten, eher noch bei den zeitgleichen Spätempiremöbeln. Speziell an einen Spiegel kann ich mich noch erinnern. Diese seitliche Anbringung an den Lisenen habe ich noch nie gesehen, aber ich hatte ja auch schon mal erwähnt, dass ich mich mit Möbeln aus Österreich nicht gut auskenne.
Einsteckschlösser gab es schon bei Schreibschränken, an einen normalen Schrank mit Einsteckschlössern kann ich mich auch nicht erinnern.
Dicke des Furniers finde ich vollkommen ok. Ab etwa 1830 wurden die auch in der Praxis immer dünner. Im Historismus sind die meisten dann schon bei etwa 1mm, Altbestände mal ausgenommen.
Aufgefallen ist mir der Bereich unterhalb der Kranzleiste. Der ist doch nicht original? Und die Rückwand ist für ein Biedermeiermöbel erstaunlich sauber gearbeitet.
Eine Aufarbeitung wurde ja auch auf der Rückwand dokumentiert, so interpretiere ich das Datum zumindest.
Bei der Oberfläche muss ich passen, ich habe noch nie Esche poliert oder mit Schellack aufgearbeitet. Aber vielleicht kann da Werner helfen. Er hatte mal erwähnt, dass er auch schon Esche poliert hätte.
Gruß Michael
 

Mathis

ww-robinie
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Guten Abend, ich erkenne da ein typisch österreichisches Möbel um 1850 etwa. Die Flammleisten waren ab 1840 sehr modern und Eschenfurnier begann zu der gleichen Zeit als inländisches Pendant zu teuren exotischen Hölzern modern zu werden.
Ich sehe noch nicht, wie die Türen furniert sínd, auf Foto Nr. 5 erkenne ich Riegelahorn, die Füllung ist wohl mit simplen Leisten eingenagelt, auf Bild 6 und 7 sehe ich Massivholz Esche, wie zum Rest des Schranks passend. Was ist die Sichtsite?? Folgerichtig wäre als Furnier für die Türerahmen und die Füllungen ebenfalls so wild gemasertes Eschenholz zu erwarten wie auf den Seiten, was ich aber auf den Bildern nicht erkennen kann. Und offensichtlich ohne Flammleisten eingesetzt, sondern nur die Lisenen und unter dem Kranzgesims mit Flammleisten flankiert? Oder gehören die Flammleisten auf Bild eins und zwei zu den Türen?

Wenn die Innenseite der Türen tatsächlich mit Ahorn furniert sind, wäre das ein eindeutiges Zeichen für ein sehr qualitätvolles Möbel, üblicherweise waren Möbel um 1850 in der Regel nur einseitig furniert. Die Qualität der Rückwand ist übrigens auch ein Indiz für die Zeit um 1850 und vielleicht sogar 1860, der weiße Kreidekitt ist absolut typisch für diese Zeit.

Und noch eine Beobachtung: das Kranzprofil ist nicht furniert, sondern aus kurzen ca.10 -12 cm langen Stücken Massivholz gefertigt. Dies ist ein Hinweis auf eine ländliche und provinzielle Fertigung um 1850-60, ohne Zugriff auf teurere Furniere wie schön gemaseren Nussbaum, was typisch für solche Schränke wäre.

Auch in Deutschland findet man immer wieder mal Schränke, Kommoden oder Sekretäre, die komplett mit solch wilder Esche furniert sind, absolut typisch für Möbel um die Jahrhundertwende in Mitteldeutschland, Hessen und anliegenden Gebieten. Für mich gehören diese Eschefurnierten Möbel mit zu den schönsten dieser Zeit, da das ursprünglich sehr helle Eschefurnier durch viele Jahre Lichteinwirkung zu einem wunderschönen goldgelben Ton gealtert ist und die Maserung oft wirklich sehr spektakulär ist.

Zu deiner Restaurierung: mit einer Ziehklinge wirst du unweigerlich die wunderschöne Farbe zerstören, vor allem geht jede plastische Patina dadurch verloren. Ich glaube ohne das Möbel gesehen zu haben, eine Reinigung mit feiner Stahlwolle und anschließender Politur mit Schellack wäre das bessere Mittel gewesen, um die Struktur des Furniers, insbesondere die feinen Verwerfungen durch die Maserung sichtbar zu lassen.
Durch zu scharfe Eingriffe in die Oberfläche des Furniers zerstörst du jeden historischen Charakter. Aber du hast ja schon Tatsachen geschaffen, oder?
 

Ratsuchend

ww-kirsche
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Hallo Michael, hallo Mathis,

vielen Dank für eure Einschätzung - und das nur anhand der Bilder! Ich vermute genauso eine Entstehung um 1850/1860 herum. Wirkt für mich nicht nach 1820/30, aber doch früher als Historismus/spätes 19. Ihr Ist jedenfalls ein schönes Möbel, unabhängig von der Entstehungszeit.

Die Rückseite der Tür ist mit Ahorn furniert und die Vorderseite ebenfalls mit wilder Esche. Die Kranzleisten im Schrank gehören zu den Türen - ich habe diese bereits abgenommen.

Mit Ziehklinge habe ich tatsächlich schon bei der Tür begonnen, den Rest des Schrankes nur mit Baumwolltuch und etwas Spiritus gereinigt. Vielleicht war das mit der Ziehklinge etwas vorschnell. Werde die anderen Flächen schonender behandeln.

Vielen Dank und schöne Grüße,
Gerhard
 

flüsterholz

ww-robinie
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Guten Morgen Gerhard
Hatte heute morgen doch nochmal Zeit, mir deinen Schrank in Ruhe anzuschauen.
Aufgefallen ist mir noch die unterschiedliche Beschaffenheit der Oberfläche, soweit das von Fotos her möglich ist. Könnte natürlich auch von deinen Versuchen herrühren, aber ich habe den Eindruck, dass zumindest an der Vorderseite oberhalb der Tür nicht poliert, sondern gestrichen wurde, evtl mit Petersburger Lack.

Ist jetzt zwar zu spät, aber als Alternative zum abrassiven Reinigen möchte ich noch auf die chemische Reinigung von Schellack hinweisen. Zeitaufwendiger, aber schonender. Von Liberon gab/gibt es z.B. einen Reiniger für Schellackoberflächen, mit dem wir auch gearbeitet haben. Ich weiß aber nicht, ob die Rezeptur heute noch die gleiche ist wie damals.

Dann noch etwas zu deinem Vorgehen mit der Ziehklinge. In einem Buch aus dem 19. Jhd zur Vorbereitung des Holzes für die Schellackpolitur, wurde beschrieben, dass nach dem Abziehen mit der Ziehklinge die Oberfläche noch mit einem feinen planen Bimsstein geschliffen wurde.

Ich wünsche dir viel Erfolg mit deinem Schrank, Esche ist wirklich selten im Biedermeier, aber ich bin sicher, dass du das wieder hinbekommst.

Gruß Michael
 

Ratsuchend

ww-kirsche
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Hallo Michael,

den Liberon Reiniger habe ich sogar in meiner Werkstatt - auch noch andere Produkte z.b. von Borma. Ich glaube nicht, dass es reicht nur zu reinigen, ich vermute um etwas Stahlwolle werde ich nicht herum kommen. Aber ich gehe Mal mit dem Liberon drüber und sehe dann ja ob noch mehr notwendig ist.

Ich werde Fotos vom Fortschritt hier Posten.

Schöne Grüße
Gerhard
 
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