Florales Muster auf Sitzfläche von altem Bistrostuhl - Wie wird das gemacht?

Nils-H.

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Hallo Leser,
ein Freund hat bei einem alten Bistrostuhl mit zerschlissenem Lederpolster die Sitzfläche erneuern wollen
und beim entfernen des Polsters die ursprüngliche hölzerne Sitzfläche ausgegraben...

IMG_1244.jpeg

Die Unterseite der Sitzfläche ist so hell wie das Muster, also wurde wohl der dunkle Teil irgendwie behandelt.
Aufgrund der zum Teil scharfen Abgrenzungen im Muster kann man imho eine Behandlung durch Flüssigkeiten ausschließen.
Wäre eine Art Hitzebearbeitung, Branding mit Druckplatte, möglich?
Der Stuhl soll ca 80-100 Jahre alt sein, ich persönlich kenne nur das Foto.

Freue mich über Hinweise und wünsche einen schönen 23 :emoji_angry:Stündigen Sonntag

Nils
 

flüsterholz

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Ich kenne das nur lasierend (oder auch deckend) als Schablonenmalerei. Aber so, wie du das beschreibst, scheint das ja an dem vorliegenden Stuhl nicht der Fall zu sein.
 

magmog

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Guuden,

eine Abklebefolie plotten lassen, mit Lösemittelbeize in mehreren Durchgängen dünn sprühen.
Vorher testen ob die Beize in das Holz unter das Abgeklebte kriecht.
 

carsten

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Hallo

kenne das von Thonet Stühlen. Würde also mal schauen ob es irgendwelche Stempel, Etiketten oder so gibt. Wobei ich das dort mehr als Prägung in Erinnerung habe. Meine in Boppard im Museum steht so was. Denn Thonet war ein Rhein-Land-Pfälzer kein Wiener und schon gar kein Hesse
 

flüsterholz

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Ich hab mir das gerade nochmal am Rechner angeschaut. Ich denke, dass die Malerei doch wie normal üblich in der Zeit um 1900, aufgetragen wurde. Erst gebeizt, und dann als Schablonenmalerei deckend das florale Muster darüber. Über die Jahre hat sich die deckende Farbe, irgendein Weißton, dann abgerieben und die darunterliegende Beize schimmert durch. Wäre zumindest meine Vermutung.
 

welaloba

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Habe das so noch nicht gesehen, kannte nur geprägte Muster in den Sitzen. So hätte ich auch keine Erklärung für dieses Modell parat, müsste ich aus der Nähe sehen, was hier nicht geht. Also wieder mal: auf nach Boppard ins Thonetmuseum.
 

derdad

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Im Katalog von 1904 werden sie als Brandintarsien bezeichnet.
Ich nehme an da wurde mit grossen, erhitzten Metallplatten die Muster erzeugt.
Ich kann mal nachforschen ob man sie noch bekommt.
LG Gerhard
 

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Nils-H.

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Hallo ihr Alle, vielen Dank für eure Ideen!

Thonet Brandintarsien scheint erstmal die richtig Antwort zu sein.
Mein Kollege hat, nachdem er das Lederpolster entfernt hat, das Muster nur sehr undeutlich sehen können und vorsichtig angeschliffen um es wieder hervorzuholen.
Er sagt wenn man mit den Fingern darüber fährt spürt man das dass Muster ganz leicht erhaben ist was bei einer Heiß-Bearbeitung des Hintergrundes ja auch zu erwarten ist.
Und das geschätzte Alter käme ja ungefähr hin.

Ich werde ihm das mit Boppard Thonet Museum mal mailen.

Einstweilen besten Dank an Alle und einen schönen Abend
Nils
 

Holzsinn

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Ich hatte solche Stühle schon öfters auf der Hobelbank. Meistens sind die Muster geprägt und/oder gebrannt. Da sich das technisch nicht ohne großen Aufwand nachahmen lässt, sind pragmatisch kreative Restaurierungstechniken gefragt:
Beim 1. Beispiel war das Muster total verblasst, ich habe die Linien, die ursprünglich gebrannt waren, mit Filzstift nachgemalt und die Zwischenräume mit Nussbaumkörnerbeize gebeizt.
Beim 2. Beispiel war die Sitzfläche völlig verwurmt, bzw. zerlöchert. Ich habe sie mit Ponal Duo Dur wieder gefüllt und geformt, bzw. beschnitzt. Mit was ich die Fläche bemalt habe, weiß ich leider nicht mehr, es waren aber eher Acrylfarben bzw Nitroretusche. Da wäre sonst nichts mehr zu retten gewesen. Alle Stühle habe ich anschließend mit Schellack poliert.
Melanie
NEU:www.holz-sinn.de
 

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derdad

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Er sagt wenn man mit den Fingern darüber fährt spürt man das dass Muster ganz leicht erhaben ist
Bitte die Brandintarsie nicht mit den geprägten Muldensitzplatten zu verwechseln. Hier sind die Muster wirklich erhaben. Die Platten waren meist mit dem Sessel gebeizt und im Lauf der Zeit haben sich die erhabenen Stellen abgewetzt.
Geprägte Muldensitzplatten gibt es immer noch zu kaufen. Ab und zu bekomme ich auch solche Sitze zur Reparatur.
LG Gerhard
 

flüsterholz

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Bitte die Brandintarsie nicht mit den geprägten Muldensitzplatten zu verwechseln. Hier sind die Muster wirklich erhaben. Die Platten waren meist mit dem Sessel gebeizt und im Lauf der Zeit haben sich die erhabenen Stellen abgewetzt.
Geprägte Muldensitzplatten gibt es immer noch zu kaufen. Ab und zu bekomme ich auch solche Sitze zur Reparatur.
LG Gerhard
Das würde den oben gezeigten Stuhl dann ja erklären. Geprägte Muldensitzplatten war mir neu. Man lernt nie aus.
 
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magmog

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Hallo

kenne das von Thonet Stühlen. Würde also mal schauen ob es irgendwelche Stempel, Etiketten oder so gibt. Wobei ich das dort mehr als Prägung in Erinnerung habe. Meine in Boppard im Museum steht so was. Denn Thonet war ein Rhein-Land-Pfälzer kein Wiener und schon gar kein Hesse

...... zwar in Boppard geboren, ging dort aber Pleite.
Kam erst in Wien mit seien Burgholzmöbeln zu Erfolg nachdem er dorthin auswanderte.
 

derdad

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...... zwar in Boppard geboren, ging dort aber Pleite.
Kam erst in Wien mit seien Burgholzmöbeln zu Erfolg nachdem er dorthin auswanderte.
Die Geschichte Thonets ist sehr interessant. In Boppard hatte er eine Tischlerwerkstatt und experimentierte mit der Vereinfachung von gebogenen Holzteilen. Die gebogenen Teile für die damals modernen Möbel wurden Materialintensiv ausgeschnitten. Material war damals viel teurer als Arbeitszeit. Der damalige österr. Staatskanzler Metternich wurde bei einer Gewerbeausstellung (München?) auf ihn aufmerksam und hat Thonet (der kurz vorm Konkurs stand) überredet nach Wien zu kommen. Dort hat Thonet mit seinen Söhne zuerst bei einer großen Tischlerei seine Technik verwendet. Um berühmt zu werden muss immer auch Zufall mitspielen. In Wien wurde damals viel gebaut und unter anderem auch das Pallais des Fürsten Liechtenstein. Der Tischler, bei dem Thonet arbeitete machte die Möbel dafür und der Architekt kam dadurch mit Thonet und seiner bahnbrechenden Biegetechnik in Kontakt. Der Architekt war begeistert und vertiefte die Zusammenarbeit.
Und der Rest ist wohlbekannte Geschichte.
LG Gerhard
 

bast_ig

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Möbel mit gebogenen Teilen gab es vorher auch schon? Und auch schon solche, die statische Funktionen hatten?

Grüße
 

derdad

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Möbel mit gebogenen Teilen gab es vorher auch schon? Und auch schon solche, die statische Funktionen hatten?

Grüße
Die gibt es schon seit Jahrtausenden.
Thonet hat zuallererst Furniere in Formen verleimt und die gebogenen Flächen dann nochmal bearbeitet. Später hat er schmale Leistenbündel in Leim gekocht und konnte dadurch 3dimensionale Teile herstellen. Diese Möbel (vor allem Stühle) hatten schon die Formen die wir jetzt als "Thonetstühle" kennen. Er hat die Biegetechniken immer weiterentwickelt. Mit zugeleitet Bändern konnte er die Spannungsverhältnisse im Holz leiten und dadurch Bruch vermeiden. Es musste nichts mehr verleimt werden.
Thonet hat die Holzbiegetechnik durch dämpfen nicht erfunden! Seine Errungenschaft war es, sie so weiterzuentwickeln damit sie industriell in riesigen Mengen einsetzbar war. Es war Holzeinsparung, und durch die industrielle Fertigung brauchte er nur noch wenige ausgebildete Fachleute. Der Großteil der Arbeiter waren Anlernkräfte. Dadurch konnte er seine Fabriken im Hinterland der Habsburgmonarchie bauen. Hauptsächlich in Mähren. Dort gab es riesige Buchenwälder, dadurch kurze Transportwege, und billige Landarbeiter.
Das Ziel Thonets war Möbel in großen Mengen und billig herzustellen. Und bis dorthin war es ein langer und steiniger Weg.
LG Gerhard
 
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