100 Jahre alten Korbsessel restaurieren.

derdad

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Vor gut einem Jahr bekam ich eine Anfrage von einer Dame aus Kiel, ob ich bereit wäre ein altes Peddigrohrkorbfauteuil zu restaurieren. In Deutschland konnte die Dame keinen Flechter finden, der es machen wollte. Die meisten haben zu einer Neuanschaffung geraten. Da ich solche Herausforderungen liebe, hab ich natürlich gerne angenommen.
Die Dame brachte es mir Anfang des Jahres nach Wien, ich hatte aber erst jetzt Zeit es zu machen.
Nach meiner Einschätzung ist das Fauteuil ca. 100 Jahre alt. Peddigrohr auf einem Weiderahmen geflochten und anschließend gebeizt.
Die Grundstruktur war noch sehr stabil. An den am meisten belasteten Stellen ist jedoch das Geflecht gebrochen.
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Manohara

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nichts läge mir ferner, als jemanden beim Versuch zu bremsen, so ein nettes Möbel zu restaurieren.
"Reparieren" halte ich grundsätzlich für gut und richtig.
Hier sehe ich das Problem, dass das Material in zwei Richtungen gebrochen ist. Ich weiß nicht, wie das beim Flechten genannt wird. Bei Stoff würde man wohl sagen: sowohl die Kette als auch der Schuss sind kaputt.
Das scheint mir eine ziemliche Herausforderung ... oder?
 
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derdad

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Reparaturen an solchen alten Stücken sind eine Geduldsarbeit. Und man muss zum Teil improvisieren.
An der Sitzvorderkante konnte ich die gebrochenen Doppelstaken zurück schneiden und neue, etwas versetzt, wieder anstecken. Das querlaufende Flechtrohr habe ich die vorderen 10cm komplett neu eingefochten.
Bei den Lehnen sah es anders aus. Um die Staken in die gebogene Form einstecken zu können, habe ich mich entschlossen dünneres Peddigrohr zu nehmen. Dafür beidseitig der alten, gebrochenen Staken.
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derdad

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Nachdem ich alle gebrochenen Staken ergänzt, bzw. verstärkt hatte konnte ich wieder "auffüllen"
Dabei ist bei der Auswahl der einzelnen Peddigrohr"fäden" zu achten, dass sie bereits im trockenen Zustand weich und geschmeidig sind. Sie werden zwar noch einige Zeit gewässert und werden dadurch nochvgeschmeidiger, wenn sie aber bereits trocken brechen hilft auch wässern nicht mehr.
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derdad

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Jetzt musste ich noch den Bodenrand erneuern. Dieser war natürlich vollkommen abgestoßen und ich musste den unteren Rand beinahe zur Gänze erneuern. Dazu hab ich zuerst die Staken wieder verlängert. Dann die unteren Geflechtreihen aufgefüllt. Und zum Schluss die Staken zu einem Ederabschluss verflochten.
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derdad

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An den Stellen, an denen das Geflecht komplett erneuert wurde war es relativ einfach nachzufärben. Staken und Flechtrohr konnten in einem Arbeitsgang gemacht werden.
Dort, wo entweder nur neue Staken im alten Geflecht steckten, oder nur Flechtrohr ausgewechselt wurde, war es ein bisschen mehr Kleinarbeit.
Ich verwendete dazu eine "Squeezbrush" in die man die Farbe einfüllen kann und durch drücken die Haare füllt. Normalerweise verwende ich diesen Pinsel, gefüllt mit klarem Wasser, als Reisepinsel für Aquarellskizzen.
Die Farbe habe ich aus wasserlöslichen Pulverbeizen zusammengemixt.
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Morgen kommt noch eine Schicht Klarlack um die Beize zu schützen.
Und dann darf die Dame aus Kiel wieder eine Reise ins schöne Wien machen und ihr schönes Stück abzuholen.
Das Korbfauteuil ist jetzt wieder stabil und kann die nächsten Jahrzehnte benutzt werden.
LG Gerhard
 

derdad

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Hier sehe ich das Problem, dass das Material in zwei Richtungen gebrochen ist. Ich weiß nicht, wie das beim Flechten genannt wird. Bei Stoff würde man wohl sagen: sowohl die Kette als auch der Schuss sind kaputt.
Das siehst du richtig.
Bei einem Korbgeflecht sind die Staken die tragenden Teile, und das Flechtrohr/Flechtschiene/Flechtband (je nach Form) sind die füllenden Teile.
Das Flechtrohr auszubessern ist meist nicht das Problem. Bei den Staken ist es schwieriger. Die neuen Staken müssen mit einem Teil der alten überlappen um die Stabilität zu überbrücken.
LG Gerhard
 

derdad

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Gerhard, großartig, dass es Leute wie dich gibt und diese Handwerkskunst bewahren.
Ich hoffe, du findest später einen Nachfolger für diese schönen Fertigkeiten.
Danke!
Ich habe dazu eine sehr pragmatische Einstellung, die ich auch schon öfter gesagt habe. Flechten ist keine Raketenwissenschaft und man kann es relativ einfach erlernen. Ich gebe auch an der Volkshochschule Kurse fürs Wiener Geflecht.
Jedoch bin ich zum Flechten auf Umwegen gekommen, irgendwo aus der Not heraus. Ich mache es weil ich damit Geld verdienen kann, aber nicht weil es meine Berufung ist. Wenn ich einmal damit aufhöre ist meine Werkstatt zu. Einen Nachfolger in meiner Werkstatt möchte ich nicht. Falls jemand sich eine eigene Werkstatt aufbauen möchte unterstütze ich ihn gerne mit Wissen, ich animiere aber niemanden es zu machen.
LG Gerhard
 

RüdigerS

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Da kann ich mich Manohare nur anschließen. Ich staune nur noch.
Und freue mich, dass es auch Kunden gibt, die bereit sind dafür viel Geld auszugeben (zu Gunsten des Erhalts alter Stücke und damit Handwerker wie Du weiter machen können).
LG Rüdiger
 

kberg10

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Nur Staunen!
Einen Menschen zu finden und breitzuschlagen ist wohl ein Lottosechser.
Herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Restaurierung.
Fazit: Wo ein Wille da ein Weg.
 

Manohara

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Falls Du Deine Kundin nochmal sprichst kannst Du sie gerne unbekannterweise grüßen. Meinen Respekt hat sie für ihre Haltung zu dem "100 Jahre alten Korbsessel". Schön,
dass es auch Kunden gibt, die bereit sind dafür viel Geld auszugeben
Ich halte die Arbeit für sehr gelungen, hätte aber darüber nachgedacht, die Reparatur deutlich sichtbar zu lassen und nicht mit einem Squeezebrush (den ich jetzt durch Dich kenne, danke) fast unsichtbar zu machen.
Früher waren gestopfte Socken etwas peinlich - heute kann man damit angeben :emoji_slight_smile:

Worüber ich auch noch nachdenke ist, ob das Material des Sessels im Laufe der Jahre nicht insgesamt brüchig geworden ist und dementsprechend bald an anderen Stellen "nachgibt"?
 

predatorklein

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Ich mache es weil ich damit Geld verdienen kann, aber nicht weil es meine Berufung ist. Wenn ich einmal damit aufhöre ist meine Werkstatt zu..........
Hallo

Kenn ich von einem Kollegen .

Schreiner der alten Schule , Einzelkämpfer , mal hatte er einen Lehrling , mal einen Rentner als Helfer .

Hat er 20 Jahre lang gemacht , war schon einen ziemliche Schinderei .
Sowohl von der Organisation her wie auch bei der Montage .

Vor 10 Jahren hat er angefangen Gutachten zu erstellen , schnell war er auch als Sachverständiger fürs Gericht unterwegs ( öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter ) .

Inzwischen verdient er mit den Gutachten sein Geld fürs täglich Leben .

Privatkunden bedient er auch noch , allerdings nur bei Aufträgen , die Spaß machen .
Und die Chemie zwischen ihm und dem Kunden muss stimmen .

Also alles richtig gemacht :emoji_thumbsup:

Gruß
 

derdad

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Nicht mitgeschrieben? Kenne ich gut!
Zu Beginn meiner "Flechterkarriere" hab ich penibel die Zeit und das Material aufgeschrieben. Mittlerweile kann ich relativ genau im Voraus sagen, wie lange ich brauche, und kann bei Bedarf in meinen Unterlagen nachsehen.
Wenn aber alle 10min ein Anruf kommt, eine Kundschaft etwas bringt oder abholt, ist es immer schwierig die Zeiten genau zu notieren. An manchen Tag ist es verrückt, an manchen Tagen habe ich den ganzen Tag meine Ruhe.
Aber ich glaube, da erzähl ich dir nichts unbekanntes.
LG Gerhard
 

Martin45

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Tolle Sache.
Ich hätte gedacht, dass sowas eher aus den 80ern ist. Wieder was gelernt, du hast da sicher wesentlich mehr Erfahrung und wirst recht haben.
30h, also vielleicht grob 1500Euro. Toll das jemand reparieren lässt (sie) und jemand anderes repariert (du), aber für einen Stuhl/Sessel auf der anderen Seite viel Geld. Eine Zwickmühle bei unseren Stundenlöhnen.
 

derdad

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In einem nicht so kleinen Teil meiner Aufträge geht es nicht sosehr um den "physischen" Erhalt der Möbel, sondern um den Erhalt der Emotionen die in diesen Stücken stecken. "Der Stuhl, auf dem ich immer bei Oma saß ", "Das Erbstück, das schon so lange in der Familie ist", nicht all zu selten "der Stuhl vom Flohmarkt, den ich mir für meine erste eigene Wohnung kaufte", und vieles mehr. Neuanschaffungen wären sicher günstiger, aber Emotionen und Erinnerungen sind eben unbezahlbar.
Deshalb verstehe ich auch nicht, wenn Kollegen solche Aufträge ablehnen und statt dessen etwas neues verkaufen wollen.
Ich glaube aber, jeder der im Restaurierbusiness arbeitet kennt das oben Beschriebene.
LG Gerhard
 
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welaloba

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jeder der im Restaurierbusiness arbeitet kennt das oben Beschriebene.

Hallo Gerhard, noch mal Daumen hoch allein für die Beizarbeit, und auch für die Schilderung s.o.
Guß Werner
 
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