@brubu Lagerhaltung hätte ich dir vor Corona vermutlich auch noch kleingeredet. So wurde es mir zumindest sowohl im Techniker als auch später im Betriebswirt von unseren Dozenten vermittelt.
Lagerhaltung kostet Geld, und das nicht zu knapp! In einer perfekten Welt, ohne praktische Erfahrung und mit vollständig funktionierenden Lieferketten, ist eine „Just in Time / Just in Sequence“-Logistik natürlich der Königsweg.
Die Einwände, die du beschreibst, habe ich damals ebenfalls gebracht: Was passiert, wenn ich aufgrund fehlender Lagerbestände einen Auftrag nicht abschließen kann? Wenn eine Maschine stillsteht, dadurch vier Mitarbeiter nicht weiterarbeiten können und sich im schlimmsten Fall noch ein ganzer Bauablauf verschiebt?
Die Antwort war sinngemäß: Das darf gar nicht erst passieren. Der Königsweg sei, genau das organisatorisch und logistisch in den Griff zu bekommen. Dafür brauche man starke und zuverlässige Lieferanten und Partner. Dann dürfe der Einkaufspreis auch etwas höher sein, wenn man sich dadurch ein eigenes Lager sparen könne.
Einen Satz werde ich allerdings nie vergessen: „Haben Sie einen Balkon? Da könnten Schafe stehen.“
Das war natürlich überspitzt gemeint, aber die dahinterstehende Denkweise war klar: Wenn man alles konsequent auf Wirtschaftlichkeit und maximale Ressourcennutzung trimmt, müsste ein Großteil der Handwerksbetriebe eigentlich gar keine eigenen Kantenanleimer, CNC-Bearbeitungszentren oder Plattenaufteilsägen mehr besitzen. Man könnte schließlich alles extern fertigen lassen.
Was passiert aber, wenn auf der Baustelle 623 km entfernt plötzlich ein Sockel oder ein Fachboden fehlt? In der Theorie bestellt man ihn einfach nach. In der Praxis kostet das Zeit, Geld und im Zweifel einen ganzen Arbeitstag. Und solche Fälle kommen eben vor, auch wenn sie in der perfekten Prozessplanung natürlich nicht vorgesehen sind.
Was mich an dieser Betrachtung immer gestört hat: Solche Entscheidungen werden häufig isoliert auf die betriebswirtschaftliche Kennzahl heruntergebrochen. Gleichzeitig wird toleriert, dass eine Immobilie möglicherweise mit einer deutlich höheren Rendite als Lager- oder Produktionsfläche vermietet oder verkauft werden könnte. Dann wird die Lagerhaltung schnell zum vermeintlichen Kostentreiber, während die alternative Kapitalverwendung plötzlich ganz anders bewertet wird.
Also alles verkaufen, Kapital in einen breit gestreuten ETF stecken und nicht mehr arbeiten? Auch darüber hatten wir seinerzeit längere Diskussionen mit unseren Dozenten.
Ich kann beide Seiten verstehen. Lagerhaltung bindet Kapital, verursacht Kosten und birgt das Risiko von Ladenhütern und Wertverlusten. Auf der anderen Seite schafft sie Flexibilität, Lieferfähigkeit und Unabhängigkeit. Entscheidend ist für mich nicht, möglichst wenig Lagerbestand zu haben, sondern den wirtschaftlich sinnvollen Bestand für das jeweilige Geschäftsmodell.
Dennoch sitzt mir dieser Gedanke bis heute im Hinterkopf, wenn es um Lagerhaltung oder eine Betriebserweiterung geht. Und ich glaube, genau das war letztendlich auch die Absicht unseres Dozenten: Nicht blind Lager aufbauen, sondern jede Investition kritisch hinterfragen.
@Seanathair Welche Maschinen bzw. welcher Industriezweig fragt denn bei euch nach Ersatzteilen für 40 Jahre alte Maschinen? 40 Jahre und über 100.000 Betriebsstunden ist schon eine Hausnummer!
Bei uns sind es klassischerweise beispielsweise SAC, Hombak oder REX, bei denen man auch nach Jahrzehnten noch mit entsprechenden Anfragen konfrontiert wird.
Niemand kann vorhersehen, wie lange ein Ersatzteil tatsächlich nachgefragt wird. Dieses Risiko der Lagerhaltung und langfristigen Ersatzteilversorgung muss ein Hersteller natürlich in seine Kalkulation einpreisen. Das ist für mich auch absolut nachvollziehbar.
Ich versuche Kunden deshalb immer wieder zu erklären, dass hinter einem vermeintlich einfachen Ersatzteil unter Umständen jemand steht, der sich über Jahrzehnte einen Quadratmeter Lagerfläche freigehalten hat. Mit einer bebauten, gedämmten und unterhaltenen Halle, in der dieses Teil vielleicht seit 40 Jahren liegt. Ganz zu schweigen davon, dass das Ersatzteil irgendwann einmal produziert, eingekauft und eingelagert werden musste.
Das Kapital ist also über Jahrzehnte gebunden, die Fläche verursacht laufende Kosten und trotzdem muss das Teil verfügbar sein, wenn es irgendwann jemand benötigt.
Wir reden hier über einen Zeitraum von 40 Jahren! Was hätte man mit diesem Kapital und dieser Fläche in der Zwischenzeit alternativ erwirtschaften können?
Diese Zusammenhänge werden bei der Betrachtung eines Ersatzteilpreises leider häufig ausgeblendet. Naja, so jetzt hab ich den KDT Thread aber ganz schön verzerrt, back to Topic aber ohne mich
