Alter Schrank, fehlt da was?

Micha83

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Hallo
Der Schrank von gestern ist nun raus aus dem Auto.
IMG_20260215_130558_8.jpg
Im Hellen sieht er auch nicht mehr so super aus, wie gestern im halbdunkel.
Die Linke Seite mit reparierten Beschädigungen, zeigte zur Wand und beim Transport unten.
An und für sich ein schön gemachter Weichholzzschrank mit aufgemalter Maserung, wahrscheinlich Bierlasur.
Ungewöhnliche dreiteilung der Füllungen und Porzelan Schlüsselschilder, Türen mit Fitschenbändern zum aushängen.
IMG_20260215_130708_7.jpg
Kurios finde ich, verkleilte Zinken, hab ich noch nie gesehen.
Auch die Zapfen sind verkeilt oder mit Holznägeln gesichert.
IMG_20260215_130640_4.jpg
Die Schubkästen gehen auch nur auf, wenn die Türen offen sind, merkwürdig.
Die ausklappbaren Haken unterm Deckel, sind mir auch noch nicht untergekommen.
IMG_20260215_130720_8.jpg
Die Einlegeböden, inklusive Auflagleisten, sind vermutlich nicht original.
IMG_20260215_130728_6.jpg
Weil da ja normalerweise Zahnleisten vorn und hinten verwendet werden.
Korpus ist nicht demontierbar und fest gezinkt.
Unten steht der Schrank mit dem Unterboden, in einem seperaten Sockelrahmen, da sieht man die Zinkung nicht.
Oben dagegen schaut man seitlich drauf
IMG_20260215_130811_0.jpg
Fehlt da manchmal was an der Seite?
Aber dann wäre dort keine Farbe.
Vorn ist ja so ein Dreieck als angedeuteter Kranz.
Kann jemand von euch was zur Herkunft und früheren Nutzung beitragen?
Grüße Micha
 
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carsten

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Hallo

so Aufhänger oben kenne ich von einem alten Schrank bei meinen Großeltern. Da wurde wohl früher die Wurst nach dem Räuchern reingehängt. Ich hab den nur als 08/15 Kellerschrank kennengelernt. War deutlich weniger dekorativ, aber zerlegbar und hat einen dankbaren Abnehmer gefunden.
Der Abschluß profilierter Kranz und darüber noch mal der gezinkte Korpus, da würde ich eher vermuten dass da noch mal ein Zierelement aufgesetzt war. An den Zinken fällt mir nix außergewöhnliches auf.
 

Micha83

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Zoom mal ran, zu den Zinken der Schubkästen und beachte den Maserungsverlauf.
Wenn der Schrank wirklich nur zum Wurst aufhängen gedacht war, warum dann so schick?
Wären dann nicht trotzdem Lüftungsöffnungen (mit Drahtgeflecht) erforderlich gewesen?
Schubkästen hätte es dann ja auch nicht gebraucht.
Vielleicht sind die Aufhänger auch nachgerüstet.
 

flüsterholz

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So richtig einordnen kann ich den Schrank noch nicht, aber ein paar Hinweise schon mal.
Zahnleisten findet man erst so um 1900, vorher sind die Auflageleisten wie bei deinem Schrank normal. Die Haken am Deckel auch. Dass Schubladen durch die Tür verschlossen werden, ist selten aber nicht ungewöhnlich. Man hat sich dann die zwei Schlösser an den Schubladen gespart.
Über den Verwendungszweck bin ich mir noch nicht im klaren. Vorratsschrank glaube ich nicht, da wurde normalerweise eine Belüftung eingebaut.
Diese nach unten abgesetzte Kranzleiste ist wirklich sonderbar. Gab es zwar im Biedermeier in ähnlicher Form, aber nicht so, dass man die Zinken sah. Mögliche Erklörung wäre, dass sich die Zinken erst im Laufe der Zeit durch die Maserierung abgesetzt haben. Oder die Leiste wurde mal aus irgendeinem Grund nach unten gesetzt. Kann man evtl alte Nagellöcher erkennen?
Bei den Zinken kann ich auf den Fotos nichts ungewöhnliches erkennen.
Hast du da mal eine Detailaufnahme? Genagelte Zapfen sind durchaus gängig. Verkeilte Zapfen auch, sind die in der Tür?
Im Augenblick wäre ich bei etwa 1800, aber noch etwas unsicher.
 

welaloba

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Das Dreieck vorn oben nennt sich Spitzgiebel. Eigentlich ein Stilelement aus dem Empire. Zeig doch mal scharfe Detail Aufnahmen vom Schloss und den Riegeln zwecks zeitlicher Einordnung. Zeige bitte auch mal, wie die Sperre für die Schubladen funktioniert.das Prinzip kennt man von Brotschränken mit 4 seitlichen Schubladen, die von der geschlossenen Tür am aufgehen gehindert waren. Gruß Werner
 

Micha83

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Zum Alter kann ich gar nix sagen.
Die Zinken sind nur an den Schubkästen verkeilt, nicht am Korpus.
Ich mache nochmal neue Bilder mit besserem Licht, auch mit Details von den Beschlägen.
Der untere Falz der Tür geht über den Schubkasten und hält diesen verschlossen.
 

carsten

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Hallo

naja Zinken "verkeilt" habe ich auch schon. Schlecht gesägt oder gestemmt muss man halt anfangen zu pfuschen. Aus den Resten was mit passender Maserung gesucht, Kielförmig zugeschnitzt und schon war die Zinkung passend.
 

Micha83

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Wenn mal einer versaut ist OK.
Aber doch nicht bei allen Zinken.
Es ist eben kein passendes Holz, darum sind mir die Keile ja erst aufgefallen.
Der Korpus ist ordentlich gezinkt, da funktioniert es ja auch ohne Keile.
 

flüsterholz

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Ich habe mir den Schrank jetzt nochmal auf dem Rechner angeschaut, da sieht man doch einiges deutlicher. Den Spitzgiebel hatte ich vorher gar nicht erkannt. Dann passt das auch mit der nach unten versetzten Kranzleiste. Das macht die Einordnung leichter. Die findet man hauptsächlich im Biedermeier oder Empire. Also erste Hälfte 19.Jhd. dazu passt auch, dass mit der Maserierung Mahagoni nachgeahmt wurde. Das war zu der Zeit das Modeholz. Die Leisten für die Regalbretter scheinen erst nachträglich reingekommen zu sein. Erkenne ich da Schrauben?
Dann war das wahrscheinlich ein Kleiderschrank. Kleiderstange, wie wir sie heute kennen waren damals noch nicht so häufig.
 

kgb007

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Ich würde auch sagen Biedermeier vom Dorfschreiner mit Bierlasur. Ich denke, es fehlt da nix. Da hingen Kleidungsstücke drin, die ZwischenBöden sind wahrscheinlich später eingesetzt.
 
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Micha83

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Hier nochmal Bilder mit besserem Licht.
Gesamtansicht
IMG_20260216_165027_8.jpg
Kranz
IMG_20260216_164257_8.jpg
Kastenschloß Schloss ca 10 x 10 cm
IMG_20260216_164339_6.jpg
Riegel oben unten, auch recht massiv
IMG_20260216_164353_4.jpg
Fitschenbänder
IMG_20260216_164454_1.jpg
Schubkastenknopf mit Blüte in der Mitte
IMG_20260216_164430_6.jpg
Verriegelter Schubkasten
IMG_20260216_164414_4.jpg
hintere Schubkastenzinkung, mit Keilen
IMG_20260216_164737_9.jpg
abgeplatteter Boden mit Holznägeln ins Hinterstück
Auffällig die Schruppgehobelte Oberfläche
IMG_20260216_164747_5.jpg
IMG_20260216_164802_8.jpg
Halbverdeckte vordere Zinkung mit Keilen
IMG_20260216_164831_7.jpg
Detail Korpussseite, da hängt die Hakenleiste dran
IMG_20260216_164633_3.jpg
von innen geschraubte Auflageleisten.
Vermutlich ist die dünne profilierte Leiste original, weil diese auch angenagelt ist.
ist die zweite von oben also ungefähr die Mitte.
IMG_20260216_164558_6.jpg
Grüße Micha
 

flüsterholz

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Der hat schon einige sehr interessante Details. Am besten gefällt mir ja die Lösung der umlaufenden Zierleiste über die sich öffnenden Schubladen hinweg. Ist mir so, glaube ich, noch nicht vorgekommen. Die Keile in den Zinken kann ich jetzt auch erkennen. Auch eine ungewöhnliche Lösung. Mir auch bisher, zumindest bewusst, noch nirgends aufgefallen. Die Böden scheinen anstatt mit einem Schrupphobel mit einem Kehlhobel gemacht. Das kenne ich von abgesetzten Füllungen auf der Sichtseite von Türen oder Truhendeckeln. Evtl wurde hier einer misslungene Füllung nochmal ein zweites Leben als Schubladenboden gegönnt. Material war ja damals das Teure beim Möbelbau. Ungewöhnlich finde ich auch die Gestaltung der Schubladenfront, passend zu den Füllungen der Türen. Evtl eine regionale Besonderheit? Da wäre ich dann draußen, so gut kenne ich mich dann dich nicht aus. Da müsste ich auch erst in die Literatur schauen, ob ich was finde. Weißt du etwas über die Herkunft? Insgesamt ein ungewöhnlicher Schrank, den ich auf jeden Fall erhalten würde. Der ist im Gegensatz zu den anderen Möbeln, die du hier gezeigt hast, schon eine kleine Besonderheit.
Gruß Michael
 

Micha83

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Ich selbst habe einen Handhobel mit gerader Sohle aber balligen Eisen.
Der wurde mir in der Lehre als Schrupphobel vorgestellt.
Der erzeugt auch solche Spuren.
Ob der Schrank von da stammt, wo ich ihn eingesammelt habe, weiß ich nicht.
Er stand dort in einem Nebengelass, nicht in der Wohnung.
Nicht auszuschließen das wirklich Wurst an den Haken hing.
Die ehemaligen Bewohner des Hauses waren dem Bürgertum zuzuordnen.
Das schließe ich zumindest durch die
Gehobene Ausstattung des Hauses, schränkeweise alter Bücher mit Goldrand an den Seiten und den Schlafzimmer Schrank voller Pelzmäntel.
Dann werde ich mal schauen, das ich die Beschädigungen und Abplatzer so gut es geht kaschiert bekomme.
Danke für eure Einschätzung.
 

carsten

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Hallo

die Verwendung als "Wurstschrank" war sicher bei meinen Großeltern auch eine Zweit- bzw Weiterverwendung. Die haben 1942 geheiratet. Vermutlich war das zuerst eher ein Kleider oder Wäscheschrank. Ich meine der hatte auch Zahnleisten. DIe Aufhänger oben haben mich halt direkt daran erinnert. Was man an Wäsche oder Kleidung daran aufhängen könnte keine Ahnung. Schlips ? oder Stiefel/ Schuhe umgekehrt damit sich keine Maus darin einnistet ?
 

flüsterholz

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Hallo

die Verwendung als "Wurstschrank" war sicher bei meinen Großeltern auch eine Zweit- bzw Weiterverwendung. Die haben 1942 geheiratet. Vermutlich war das zuerst eher ein Kleider oder Wäscheschrank. Ich meine der hatte auch Zahnleisten. DIe Aufhänger oben haben mich halt direkt daran erinnert. Was man an Wäsche oder Kleidung daran aufhängen könnte keine Ahnung. Schlips ? oder Stiefel/ Schuhe umgekehrt damit sich keine Maus darin einnistet ?
Kleiderbügel gab es, soweit ich weiß, noch keine. Bleiben nur Haken oder Knöpfe.
 

eckartz

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Wirklich schöner Schrank und sehr ungewöhnlich. Auch der Erhaltungszustand. Die meisten Mahagoni gefakten Möbel sind ja mittlerweile abgebeizt. Diese Art von Zentralverschluss habe ich auch noch nie gesehen. Aber Prinzipiell schon.
Mich würde interessieren, wie der Zustand der Oberfläche ist und wie du sie restaurierst.
Gibtves dazu Erfahrungen hier im Forum?
 

eckartz

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Den dort beschriebenen Neuaufbau einer maserierten Oberfläche kenne ich so auch. Ich habe vor vielen Jahren eine Technikerschule für Baudenkmalpflege in Borken und Raesfeld besucht. Dort hat sich die Malerklasse sehr intensiv damit und mit Marmormalerei beschäftig. In der Regel wurde dort auch Leinöllack als Grundierung, dann Bierlasur und danach ein transparenter Decklack verwendet. Meines Wissens Schellack. Bin mir aber nicht 100% sicher. Die Bierlasur funktioniert übrigens auch zwischen modernen Lacken. Habe das vor vielen Jahren mal für einen Künstler mit 2k Lack realisiert. Eine Art Wurzelmaser. Dazu wurde einfach Spiritus in die Bierlasur gesprenkelt.
Was ich aber selber noch nie gemacht und nicht gesehen habe, wie solch ein Schrank, der ja eigentlich nur wenige Fehlstellen hat restauriert wurde. Was ja einmal die Retuschen wären, über die ja in dem erwähnten Thread böse gestritten wurde, aber auch die Reinigung der gesamten Oberfläche und die Wiederherstellung des Glanzes, den der Schrank ja ursprünglich sicher mal gehabt hat.
Von daher mein Interesse. Auch gerne mit Fotos.
 

eckartz

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Noch etwas: Aus restaurotirischer Sicht ist die Oberfläche dieses Schrankes absolut zu erhalten. Ein Neuaufbau ein echter Frevel. Kann man mal an einem der Tausenden schon abgebeizten Schränken probieren. Ob man notwendige Ergänzungen mit authentischen Materialien, oder mit vielleicht modernen, im besten Fall reversiblen Materialen macht, ist ja, wie gelesen, sehr umstritten. Dabei reden ja sicher auch die Kunden mit. Oder man selber, wenn man es für sich macht. Ich bin mir sicher, dass es verschiedene Wege zu unterschiedlichen Zielen gibt. Darauf wäre ich neugierig.
 

flüsterholz

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Zumindest die beschädigte Bierlasur musst du wieder mit Bierlasur ergänzen. Die hat so ein ganz eigenes Aussehen. Irgendwie körniger (mir fällt kein besserer Ausdruck ein) als Acryl- oder andere Lasuren. Beim Firnis kann man sicher über Alternativen nachdenken. Mein erster eigener Versuch war ja auch Kunstharzlack. So richtig glänzend waren diese Oberflächen nicht. Der meiste Glanz entstand erst durch die Harze im Firnis.
Sobald die Grundierung beschädigt ist wird es schwierig mit der Restaurierung. Ich wüsste nicht, wie man das gut hinbekommt. Was spricht dann gegen einen Neuaufbau? Bei Polituren oder anderen Oberflächen, wird diese doch auch neu aufgebaut, wenn sie nicht mehr zu retten ist.
 
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