Alte Bauerntruhe auf Vordermann bringen

Makassar

ww-pappel
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Hallo ins Forum,

dies ist mein 1. Beitrag, ich darf mich kurz vorstellen: mein Name ist Christian, ich komme aus der Steiermark und bräuchte bitte fachmännischen Rat.

Es geht um eine eine alte Bauerntruhe, die sich leider in einem ziemlich schlechten Zustand befindet (morsche Stellen, Abplatzer, Spaltmaße im Deckel,fehlendes Schloss, innen modriger Geruch etc. )

Darf ich fragen:
Wie restauriert man so etwas, wie und womit fängt man an?
Um welches Holz könnte es sich handeln bzw. wie alt schätzt Ihr die Truhe?

Bin über jeden Rat eines Professionisten dankbar.

Anbei ein paar Bilder, ich hoffe man erkennt alles wichtige

Vielen Dank im Voraus

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Holzsinn

ww-robinie
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Darf´s auch fachfrauischer Rat sein?

Die beiden stark befallenen Bretter auf der Oberseite sind meiner Meinung nach nicht zu retten, die kaputten Bereiche sind von Braunfäule befallen, eine Zersetzung des Holzes hat dort schon eingesetzt. Am besten beide Bretter durch neue Alte ersetzen, möglichst derselben Holzart (ich kann auf den Fotos nicht genau erkennen, um welches Holz es sich handelt.)
Teilaustausch der befallenen Stellen dürfte schwierig sein, da die Stellen konstruktiv nicht unterfangen sind.

Eine Möglichkeit wäre auch, die kaputten Deckelbretter mit intakten Bodenbrettern zu tauschen. Am Boden der Truhe stört das kaputte Holz ja nicht und wenn es in Zukunft nicht feucht ist, wird die Braunfäule nicht weiterarbeiten.

Was die Vorgehensweise an der gesamten Truhe angeht, würde ich zunächst versuchen, die Beschläge zu entfernen und mit einer Essig-Salz Lösung zu reinigen.
Ich sehe gerade auf den Fotos, dass das kaum möglich sein wird, da die Beschälge mit handgeschmiedeten Nägeln vernietet sind. Die Verbindung sollte man nicht zerstören. Dann vielleicht besser die Beschläge an Ort und Stelle mit Bürsten und grobem Schleifvlies vom Rost befreien.

Die Truhe ist ursprünglich nur gehobelt worden und es ist schade, dass diese Struktur durch ein zu grobes Schleifgerät und Kreuz und Querbürsten beschädigt wurde. Auch wenn man so alte Möbel eigentlich nicht mit Schleifpapier in Berührung kommen sollte, kann man diese Spuren eigentlich nur mit Handschleifen in Faserrichtung wegkriegen, aber nicht zu fein, max mit Körnung 100 - 120.

Bei der Oberfläche ist guter Rat teuer: die ursprüngliche Bemalung zu restaurieren können eigentlich nur Fachleute. Ich würde am Schluß das Ganze am ehesten mit einem leicht gefärbten Antikwachs behandeln.

Viel Erfolg!

Melanie
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Makassar

ww-pappel
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Vielen Herzlichen Dank für Deine auführliche Antwort Melanie, auch wenn mein Post nicht gendergerecht war :emoji_wink:

Na dann hab ich ja einiges vor mir.

Die kaputten Bretter vom Deckel also tauschen (gegen Altholzbretter, soll ich nach etwas bestimmten suchen, sofern ich nicht
die Bodenbretter nehme?)

Kann ich auch mit einem Exzenter/Delta/Schwingschleifer ran oder muss es von Hand sein?

Clou Antik Wachs hab ich noch da, sollte funktionieren, richtig?

Nur zur Sicherheit: Lasur, Beize oder Öl sind tabu, oder?
 

Holzsinn

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Die Altholzbretter sollten den Deckelbrettern möglichst in der Holzart oder wenigstens der Holzstruktur entsprechen.
Ich würde sagen, elektrische Schleifer sind tabu, da ja so ein Schleifer diese groben Kringel auf dem Holz verursacht hat. Da ist Handarbeit angesagt.
Was die Oberflächenbehandlung angeht, ist das eine Frage des Geschmacks, Wachs ist wohl am ehesten dran am Orginalzustand.
Ein guter Test für die Wirkung einer transparenten Oberflächenbehandlung ist, die geschliffene, gereinigte Oberfläche mit Balsamterpentin abzureiben. Der feuchte Zustand des Holzes zeigt dann, wie Öl oder Wachs aussehen würde und ob die Schleifspuren noch auffallen.
Viel Erfog!

Melanie
www.holz-sinn.de
 

Makassar

ww-pappel
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Danke nochmals Melanie.

Noch eine Frage: Welche Art von Schloss passt zur Truhe?
Wie nennt man diese Variante (im Deckel mittig ist ein Loch für einen Riegel)?

Gibt es eine Spezielle Bezeichnung, nach der ich suchen kann?
 

Mathis

ww-robinie
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Für solche Anwendungen bei Truhen gibt es Truhenschlösser. So eines war auch mal in dieser Truhe, davon gibts ja noch das Schlüsselschild auf der Vorderseite. Aber das Schlüsselloch mitten in dem Brett im Deckel ist an der Stelle falsch, da das ganze Brett nicht dorthin gehört, sondern von einem anderen Möbels stammt. Erstaunlicherweise auch von einer Truhe, erkennbar an den beidern Nuten rechts im Brett innen, dort war mal die sogenannte Beilade eingenutet.
Diese Beilade gabs in dieser Truhe auch mal, erkennbar an den beiden rechtwinklig zueinander stehenden Nuten links in Vorder- und Rückseite.
Außerdem ist bei der Truhe schon mal der Boden komplett erneuert worden, die viel zu helle Farbe im Vergleich zu den Innenwänden zeigt das. Auch die an Rückwand und rechter Seitenwand unten angeflickten Leisten deuten darauf hin, dass der Boden wohl komplett verrottet war, genauso wie auch der vordere ersetzte Teil des Deckels.
Ich würd das alles entweder im grunde so lassen und nur fein von Hand schleifen, bis diese ätzenden Kringel vom Rutscher raus sind. Dann eventuell leicht mit spezieller 2-K-Nadelholzbeize beizen, um die Farbe etwas zu vereinheitlichen und dann mit Schellack grundieren, um dann zu wachsen.
Nur Wachs drauf wird nichts, da das Holz offensichtlich gar nicht grundiert ist.

Oder aber diesen traurigen Rest zerlegen, verfeuern und mit etwas Suchen findest du für ca. 100 Euro eine solche Truhe in gutem originalen Zustand, die Dinger gibts wie Sand am Meer.

PS: hab gerade mal selbst gesucht und auf Anhieb diese wirklich sehr gut und absolut original erhaltene Truhe gefunden, die deiner sehr ähnlich ist und für 75 Euro zu haben ist!
 
Zuletzt bearbeitet:

Hölziger

ww-pappel
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Hallo

Hoffentlich wurde der letzte Vorschlag mit dem Verheizen und Neukaufen nicht angenommen.
Truhen mit dieser Form gab es lange. Die waren schon im 17.Jh. verbreitet. In manchen rückständigen Gegenden hat sich das Design noch lange im 18.Jh. und z.T. bis ins 19.Jh. gehalten. Die Beschläge schauen recht altertümlich aus (eher 17.Jh. als 18. oder 19.).
Bei der Holzart würde ich auf Fichte tippen. Für die Reinigung des Holzes könnte Wasser mit Zitronensäure funktionieren. Beschläge würde ich nur trocken mit feiner Stahlwolle entrosten und anschliessend mit Balistolöl einreiben.
Die Variante, bei der am Meisten vom originalen Holz erhalten bleibt, wäre, das morsche Brett von oben abzuhobeln (vorher natürlich ausnageln) und mit einem neuen Brett aufzudoppeln.
Für Vergleichsbeispiele bzgl. Bemalung sind oft Auktionsarchive z.B. Dorotheum: https://www.dorotheum.com/de/c/suche-149/ oder Museumspublikationen z.B. chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/viewer.html?pdfurl=https%3A%2F%2Fwww.zobodat.at%2Fpdf%2FVeroeffFerd_70_0063-0072.pdf&clen=3154187
hilfreich.
Falls die Truhe in den Feldern nur eine einfache Schablonenmalerei hatte wie z.B. hier: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/PKIWTD3UBKLF6DI3LBQSQ7M6RS526Z3S
wäre es durchaus möglich an Hand der Abdrücke die Malerei zu erneuern. Sonst wird es aufwändig.
Für das Schloss würde ich einfach mal bei Ebay oder Kleinanzeigen wie z.B. Willhaben das Wort Truhenschloss eingeben. Normal gibt es immer eine gute Auswahl. Wichtig ist, dass das Dornmass, also der Abstand vom Schlüsselloch zur Oberkante vom Holz, stimmt.
 

derdad

Moderator
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Für passende Beschläge bietet sich die Fa. Wieser aus Adlwang an.
wieser-antik.com
Falls Bemalung gewünscht kann ich Gerhard Traxler aus Neumarkt im Mühlviertel, Oberösterreich empfehlen.
Homepage hat er keine, man findet ihn aber trotzdem auf Google. Gerhard ist seit Jahrzehnten professioneller Restaurator mit Schwergewicht auf Bauernmöbel. Also kein "Heidi Blümchen Maler", sondern Originalmotive and Methoden.
LG
Gerhard
 

Friederich

ww-robinie
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Zunächst mal würde ich sie gründlich abbeizen (nicht ablaugen). Wurde eher schlampig gemacht. Möglicherweise wurde die alte Farbfasuung auch nur mit dem Schwingschleifer entfernt (absolutes Sakrileg!)
Schleifen, auch von Hand, grundsätzlich möglichst vermeiden.
 
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